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27.05.2004 Von: HANS-CHRISTOPH NEIDLEIN, Ankara
 

EFFIZIENZ - Die Türkei zeigt, wie wichtig sparsame Techniken und gute Berater sind

Troja macht Wirbel   Das Land ist im Aufbruch.


Sonnenwärme wird schon stark genutzt, doch für weitere Auswege aus der fossilen Abhängigkeit fehlen die Anreize.

An der der Straße vom Flughafen ins Zentrum Ankaras blitzen sie über  den reich geschmückten Fassaden neuer Häuser. In Kappadokien sieht man  sie auf niedrigen Lehmhäusern. In Antalya zieren sie die Flachdächer  vieler Hotels und Hochhäuser: Sonnenkollektoren. Zwei Millionen  Anlagen sind vor allem im Süden und Westen der Türkei in Betrieb. Sie  liegt bei der Nutzung der Sonnenwärme mit an der Weltspitze. Schon für  800 Euro ist eine einfache Anlage mit vier Quadratmetern  Kollektorfläche samt Wassertank aus türkischer Fertigung zu haben.   Viel teurer und kaum verbreitet sind dagegen Fotovoltaik-Anlagen zur  Stromerzeugung. Auch Windräder, Biogastanks und Anlagen zur Nutzung  der Erdwärme sind am Bosporus noch selten. Dagegen decken vor allem  große Wasserkraftwerke das spektakulärste staut den Euphrat am  Atatürk-Stausee rund ein Viertel des türkischen Strombedarfs. Der  Anteil der erneuerbaren Energien am jährlichen Primärenergieverbrauch  von 78 Millionen Erdöleinheiten liegt bei immerhin sechs Prozent.  

Der größte Teil des stark wachsenden Bedarfs des boomenden Landes wird  jedoch immer noch aus Öl und Kohle gewonnen. Atomkraft wird nicht  kommerziell genutzt. Stark auf dem Vormarsch ist Gas, das überwiegend  aus Russland geliefert wird. Das Gasnetz in 55 Städten wurde stark  ausgebaut, die Verfeuerung von Kohle, Holz und Öl in Neubauten  vielerorts verboten. Die Luft in Städten wie Ankara ist deshalb  deutlich besser als noch vor zehn Jahren.  

Bei der Energieeffizienz allerdings hinkt die Türkei europäischen Standards weit hinterher. Der Energieverbrauch pro Quadratmeter Wohnfläche ist dreimal so hoch wie in Deutschland. Finanzielle Anreize zum Sparen oder zur Nutzung erneuerbarer Energien gibt es derzeit nicht. Ausnahme: die Forschungsförderung.

Doch es tut sich etwas. Gesetze zur besseren Effizienz und für alternative Techniken sollen bis Ende des Jahres verabschiedet sein. Geplant sind Einspeisevergütungen für erneuerbare Energien ins öffentliche Netz, schärfere Wärmeschutzstandards und eine gut ausgebaute Energieberatung.

Im neuen Energie-Infopark in Ankara freut sich ein freches, buntes Männchen über Fenster mit besserer Wärmedämmung und Kühlschränke mit geringerem Stromverbrauch. Der kleine Energiesparheld mit sportlicher Schirmmütze zieht sich als Logo durch die ansprechende Ausstellung. Wir wollen mit diesem Sympathieträger vor allem junge Leute für den intelligenteren Umgang mit Energie begeistern, erklärt Ergin Saliholglu vom Zentrum für Energieeinsparung des Energieministeriums. > Auf mehreren tausend Quadratmetern werden im Info-Park auch Windräder, Solarzellen zur Stromerzeugung und Biogasanlagen vorgeführt. Schüler können sich per Knopfdruck die Wärmeleitwirkung verschiedener Dämmstärken von Hauswänden anzeigen lassen und auf Holzbohlen in eine Abbaugrube für Kohle hineingehen.

In Erzurum, 900 Kilometer östlich von Ankara, betreut Saliholglu den Aufbau des ersten kommunalen Energieberatungszentrums. Die 400 000 Einwohner große Stadt liegt 2000 Meter hoch. Die Winter sind dort klirrend kalt, die Sommer sengend heiß. Viele Häuser sind in schlechtem Zustand und kaum isoliert. Dank der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) werden nun Installateure und Architekten im Energiemanagement ausgebildet. Sie sollen auch Energiesparchecks in öffentlichen Gebäuden durchführen. Etliche Hotels wie die zur TUI-Gruppe gehörenden Iberotels setzen seit Jahren auf Umweltmanagement. So speist die Sonne im Sarigermepark in Dalaman an der Ägäisküste Klimaanlagen und Wäschereien.. Seit Mitte April arbeitet dort die landesweit erste Hochtemperatur-Solaranlage.

Mehrere Reihen Parabolrinnenkollektoren drehen sich nach dem Sonnenstand und erhitzen Wasser in Stahlrohren auf 180 Grad. Ein Generator im Maschinenraum des 1000-Betten-Hotels erzeugt daraus Dampf, der mithilfe einer Absorptionskältemaschine zum Klimatisieren genutzt wird.

Die Innovation ist Folge eines Joint Ventures. Wir lernten uns vor vier Jahren in Ankara kennen, ganz zufällig, erinnert sich Galip Capci. Der heute 38-Jährige arbeitete damals in der Rüstungsindustrie. 2001 gründete er mit dem in der Türkei geborenen Ingenieur Dr. Ahmet Lorkurlu aus Aachen die Firma Solitem, eine Gesellschaft für Planung und Errichtung von Energie- und Umweltanlagen. Mittlerweile arbeiten zwölf Personen in Ankara und Aachen für das Start-up-Unternehmen. Innerhalb eines Jahres wurde die neuartige Solaranlage entwickelt und in zwei Prototypen getestet. Bisher hat sich die Technik bewährt. Wir rechnen mit einer Amortisation innerhalb von vier bis fünf Jahren, sagt Capci. > Wem die unerschöpfliche Kraft der Winde dient, lässt sich in Canakkale, in der Nähe des alten Troja, ansehen: 7000 Haushalte werden dort seit Juli 2000 mit Strom aus Windkraft versorgt. 17 Windräder führen auf der windreichen Agäisinsel Bozcaada jährlich zu 33 Gigawattstunden Strom. Auch dieser erste große türkische Windpark ist ein deutsch-türkisches Kooperationsprojekt. Die Turbinen stammen von der Auricher Firma Enercon, die Stahltürme vom türkischen Hersteller Cimtas. Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) in Köln gab einen günstigen Kredit.

Seit kurzem fertigt Enercon Aero Turkeywerden in der Freihandelszone von Izmir wöchentlich vier Rotorblätter, die meisten jedoch für den europäischen Markt. Denn trotz ausgereifter Technik sind die Investoren bei Windkraft in der Türkei derzeit noch zurückhaltend. Wir warten auf die Regelungen zur Einspeisevergütung, so Enercon-Sprecherin Nicole Weinhold.

Geplant ist für die Einspeisung erneuerbarer Energie ins Stromnetz eine Vergütung von fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde, klar unter dem durchschnittlichen Strompreis von neun Cent. Kleckern reicht nicht aus. Die Türkei sollte sich an den Anreizen in Spanien und Deutschland orientieren, um regenerative Energien wirklich voranzubringen, meint Solitem-Geschäftsführer Lokurlu. Nach der Bonner Konferenz wird sich zeigen, was daraus wird.  

Autor: HANS-CHRISTOPH NEIDLEIN, Ankara

© Rheinischer Merkur Nr. 22, 27.05.2004