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21.09.2004  

Kroatien auf dem Weg zum EU-Mitglied

- Frauen helfen beim Wiederaufbau -


Es gab 10.668 Tote,  37.180 Kriegsverletzte und 16.000 Invaliden, man zählt Direktschäden in Höhe von 32 Milliarden US Dollar, indirekte Schäden von 30 Milliarden Dollar. Es wurden 590 kleinere und größere Siedlungen beschädigt und 800 Krankenhäuser, Kirchen  und Schulen zerstört. Besonders hart trifft das Land der Verlust an Kulturgütern, darunter 700 Denkmäler und 210 Bibliotheken: Im Krieg, der nach der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens von Jugoslawien im Juni 1991 im Herbst des gleichen Jahres begann! Am 23. Dezember 1991 erkannten die meisten EU-Staaten die Republik Kroatien an. Heute ist sie für viele das Land der tiefblauen Adria, der Fels- und Sandstrände, der Inseln und Buchten, kurz, der unbeschwerten Badefreuden. Und in der Tat: In seiner Fläche von 56.542 Quadratkilometern hat Kroatien 1.178 Kilometer Küste entlang seines Festlands und 4.057 km Küste  an 1.185 Inseln zu verzeichnen. Ein ideales Ferienland für inzwischen wieder sieben Millionen Touristen, die meisten von ihnen Deutsche. Die beiden Flüsse Drau und Save münden in die Donau, eine der wichtigsten Wasserstraßen Europas. Im Osten Kroatiens bildet die Donau die Grenze zur Bundesrepublik Jugoslawien, im so genannten  Save-Drau-Zwischenstromland liegt das historische Gebiet Slawonien.  Es gibt acht Natur- und Nationalparks - der bekannteste ist der von der UNESCO in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommene rund um die „Plitwitzer Seen“.  Sie liegen  zwischen Meereshöhe von 505 bis 637 Meter und bilden zahlreiche Wasserfälle, die der Tourist aus der Nähe bestaunen kann. Ob man im Frühjahr oder Herbst, im Sommer oder Winter Kroatien bereist, das Land mit seinen Gebirgsketten und Seen bietet jedem reichlich Abwechslung, Sportmöglichkeiten und Erholung. Nicht umsonst gibt es in der Regierung Kroatiens ein eigenes Tourismusministerium!

 

Die rd. 4,38 Millionen Bewohner setzen sich heute zu 89,6 % aus Kroaten und zu 4,5% aus Serben zusammen, die sich mit 5,9% Minderheiten aus Bosniern, Italienern, Ungarn, Albanern, Slowenen und Tschechen das Land teilen. Das heißt, es leben  Katholiken (in deutlicher Mehrheit), Serbisch-Orthodoxe, Muslime und Protestanten zusammen. 58% von ihnen allen wohnen in den Städten wie Zagreb, Split, Osijek.

 

Doch - wer hätte das gedacht? Auf der Suche nach dem künftigen EU-Mitglied findet man 350 bis 500.000 Kroaten und rd. 90 kroatische Institutionen allein in der Bundesrepublik Deutschland! Darunter Kroatische katholische Missionen, Pfarrämter, Seelsorgestellen, Einrichtungen und Heime, die „kroatische Gemeinschaft Vukovar “, die Kroatische Demokratische Union e.V., Kulturgemeinschaften und -gesellschaften, die „Kroatischen Schwestern Franziskanerinnen“, die Tourismusstelle in München, Kultur-, Sport-, Musik- und Folklorevereine, eine „kroatische Betreuung für junge Menschen“ usf. Kein  Wunder, dass es zeitweise im Repräsentantenhaus eigens für „Kroaten im Ausland“ 12 zuständige Mitglieder gab! Es scheint, dass die heute kaum mehr nachzuvollziehenden grausamen Auseinandersetzungen der Mitglieder der jugoslawischen Föderation untereinander, die in den ersten freien Wahlen Kroatiens ihr friedliches Ende fanden,  vergeben und vergessen seien. Doch die Erinnerung bleibt. So hat zum Beispiel Adriana K. noch immer die Situation vor Augen, dass sie, ihr wenige Monate altes Baby auf dem Arm, von serbischen Soldaten von den Bergen um Dubrovnik herum beschossen wurde, während ihr Mann auf der anderen Seite der Höhe als Soldat gegen diese kämpfte.

 

Zehn Jahre später laden Frauen zu einem Symposium ein, auf dem sie ihre Initiativen vorstellen, die sie in der ebenso harten Nachkriegszeit auf die Beine gestellt haben: Sie gründeten 1993 in Dubrovnik die Nicht-Regierungsorganisation DESA, um den Flüchtlingsfrauen zu helfen, die von den Kriegsereignissen am meisten betroffen waren.

 „Sie kamen in Scharen aus den Dörfern Kroatiens hierher, waren aus ihrer Umgebung gerissen, in der sie sich nicht nur um die eigenen Kinder und ihren Mann, sondern um die Schwiegereltern, die eigenen Eltern, Onkeln und Tanten traditionsgemäß gekümmert hatten. Jetzt war die Familie getrennt, ihre Aufgaben in ihren großen Häusern existierten nicht mehr, sie wohnten in kleinen Hotelzimmern in der Flüchtlingsstadt Dubrovnik und wussten nicht, was sie mit sich anfangen sollten.“  In dieser Situation ergriffen die Frauen von DESA die Initiative. „Die Welt hat erst nach der schlimmsten Bombardierung von Dubrovnik am 6. Dezember 1991 begriffen, was hier in Kroatien passiert ist, und danach kam immer mehr humanitäre Hilfe. So erreichten uns über das Rote Kreuz viele Kleiderspenden, die jedoch - vor allem für die älteren Frauen unter den ehemaligen Dorfbewohnern, die normalerweise nur schwarze Kleider tragen – wenig sinnvolle Verwendung fanden. In von Granaten durchlöcherten oder ausgebrannten Hotels gründeten sie Werkstätten und nähten aus überschüssigen Kleidungsstücken Decken,  kleine Teppiche und Kinderkleidung. Nach sieben Tagen nahmen bereits einhundert Flüchtlingsfrauen daran teil, und nachdem 1992 auch die Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina in diesem Teil Jugoslawiens eingetroffen waren, zählten die Kurse bald 3.500 Frauen, die ihre Zeit bis zur Rückkehr in die Heimat sinnvoll verbringen wollten.

 

Hinzu kam, dass bis dahin niemand sonst sie auf die veränderten Lebensbedingungen in ihren Dörfern vorbereitete. Ihr Glaube, dass sie nur wieder nach Hause kommen müssten und da wieder anfangen könnten, wo sie zu leben und zu arbeiten aufgehört hatten, wäre zur großen Enttäuschung geworden. So veranstalteten die „Frauen von Dubrovnik“ mit Hilfe ausländischer Organisationen wie die deutsche Evangelische Frauenarbeit und die französische „Solidarité des femmes“ praktische Ausbildungsprogramme. Sie entdeckten den alten Webstuhl wieder, der völlig aus der Mode gekommen war, und die jungen Frauen unter ihnen begannen unter der Leitung der älteren, die dieses Handwerk noch beherrschten, mit gespendeten Seidenraupen (!), ihre eigenen Seidenfäden zu produzieren. Sie stellten in Web- und Nähkursen die traditionellen Volkstrachten wieder her und schmückten sie mit Seide aus. Mit ihren Produkten hatten sie gleichzeitig ein Angebot für die in Dubrovnik anlegenden Kreuzfahrtschiffe und ihre Landgänger geschaffen und sich auf diese Weise Geld verdient. Denn täglich legt eine große Anzahl von Schiffen in der historischen Hafenstadt an!

 

Damit sich die kroatischen Frauen mit den Touristen überhaupt verständigen konnten, gaben - bis dahin arbeitslose - junge Professoren fünf verschiedene Sprach- und Computerkurse, die den Absolventinnen u.a. die Vorstellung beim örtlichen Arbeitsamt erleichtern sollten! Zukünftige Existenzgründerinnen werden mit dem Aufbau von eigenen kleinen Wirtschaftszweigen wie Weinbau, Keramik und Olivenölprodukten vertraut gemacht. Damit auch die theoretischen Lebensgrundlagen nicht zu kurz kommen, werden verschiedene workshops zu den Themen Frieden und Toleranz zwischen Menschen und Nationen abgehalten.

 

Zehn Jahre nach ihrer Gründung kann die DESA auf zahllose Veranstaltungen im eigenen Land, aber auch auf Ausstellungen und Verkaufsmessen in Paris, Sabadel/Spanien, in Hamburg, Brüssel und Nantes/Frankreich zurückblicken.

 

Inzwischen bahnt sich der Beitritt Kroatiens zur Europäischen Gemeinschaft an. Seit 1996 ist das Land bereits Mitglied im Europarat. „Kroatien ist die Brücke von West- und Mitteleuropa zu den Staaten auf dem Balkan und kann eine tragende Rolle bei der Stabilisierung des Balkans spielen“, ist der Vorsitzende des Europaausschusses des Bundesrates, Dr. Christoph E. Palmer, überzeugt. Die erst im November 2003 gewählte Regierung mit Ministerpräsident Ivo Sanader hat jedenfalls zum EU-Gipfel am 17./18. Juni 2004 Briefe an seine Kollegen der 25 Mitgliedstaaten mit der Bitte um Unterstützung für dieses Ziel gebeten. Sanader bestätigte, dass Kroatien jetzt für Verhandlungen bereit ist und diese im Jahr 2007 abgeschlossen sein könnten. Danach liege die Entscheidung über den Beitritt seines Landes bei der Europäischen Union. 

 

Die Frauen von Dubrovnik, ihr Wille zum Wiederaufbau und ihr Glaube an die „Auferstehung aus den Ruinen“ haben wesentlich dazu beigetragen, ihr Land EU-reif zu machen. Sie wissen aus Erfahrung, was es bedeutet, wenn ein geeintes Europa den Frieden für alle europäischen Länder garantiert.

Rosemarie Heckmann
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Rosemarie.Heckmann@t-online.de