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14.10.2004 Von: Prof. Dr. Helmut Rödl
 

Zwischen Konjunktur, Finanzierung und Konkurs -

Das Risiko der kleinen und mittleren Unternehmen in Europa



Seit 125 Jahren stehen Firmeninformationen zur Sicherung von Geschäftsbeziehungen bei Creditreform im Mittelpunkt. Inzwischen verfügt Creditreform mit 3,6 Millionen Datensätzen über die weltweit größte Datenbank über deutsche Unternehmen, heißt es im Jahresbericht 2003/2004. Auf ganz Europa bezogen seien es sogar über 20 Millionen. Bei den Mitgliedern stosse dieses Angebot auf großes Interesse: im vergangenen Jahr hat Creditreform nach eigenen Angaben deutschlandweit mehr als zehn Millionen Auskünfte erteilt.

Mitglied des Gesamtvorstandes von Creditreform ist Prof. Helmut Rödl. In einem Vortrag auf der Generalversammlung der Association des Journalistes Europeens in Brüssel am 2./3. Oktober 2004 informierte Prof. Rödl über die Lage der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland und anderen Ländern der EU.

 

 

Zur wirtschaftlichen Lage: Kleine und mittlere Unternehmen im Überlebenskampf

 

Die wirtschaftlichen Indikatoren in Westeuropa zeigen leicht nach oben. Seit Sommer 2003 sind die ersten Anzeichen einer konjunkturellen Besserung in Deutschland und den Nachbarstaaten erkennbar geworden. Im Schatten der US-Wirtschaft, aber natürlich auch eingeschränkt durch einen starken EURO hat sich die industrielle Produktion in den meisten westeuropäischen Staaten positiv entwickelt.

 

Aber weder in Deutschland noch in Europa hat sich die Lage an der Insolvenzfront aufgehellt. Auch wenn der Anstieg der Unternehmenszusammenbrüche nicht mehr so stark ist wie in den Vorjahren, der negative Trend dauert an.

 

Der Zusammenbruch der Parmalat-Gruppe in Italien hat deutlich gemacht, dass Kontroll- und Prüfmechanismen in Unternehmen wirtschaftsschädliche Manipulationen nicht verhindern können. Kriminelle Energie, eingesetzt an den entsprechenden Schalthebeln der Unternehmenshierarchie können ohne Problem zum Bankrott eines Unternehmens führen. Sie bringen erhebliche Schäden sowohl für Gläubiger als auch für Eigentümer mit sich. Und in diesen Fällen beschränken  sich die Auswirkungen nicht nur  auf die Forderungsverluste durch den Konkurs des Unternehmens. Viel schlimmer sind die Vertrauensverluste bei Investoren und Geldgebern. Und es sind nicht nur die großen spektakulären Zusammenbrüche, die diese negativen Wirkungen auslösen, sondern es ist vor allem die große Zahl von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), die ein Klima von Vorsicht und Zurückhaltung erzeugen und die klar machen, dass Kreditvergabe heute prinzipiell eine sehr riskante Angelegenheit ist.

 

So steht die Notwendigkeit der Stabilisierung von Betrieben und der Verbesserung ihrer Transparenz ganz hoch auf der Tagesordnung der europäischen Wirtschaft.

 

Eine Rolle dabei spielt auch die Erweiterung der Europäischen Union um 10 zusätzliche Länder seit Mai 2004. Obwohl diese neuen Mitgliedsstaaten funktionierende marktwirtschaftliche Systeme haben, zeigt der unternehmensrechtliche Rahmen doch erhebliche Schwächen. Gründung von Unternehmen oder Ausscheiden aus dem Markt mag durchaus rechtlich geregelt sein, aber in der praktischen Umsetzung zeigen sich erhebliche Schwierigkeiten.

 

Dennoch gibt es Anlass zum Optimismus sowohl im Hinblick auf die Konsolidierung der Unternehmen in Europa als auch im Hinblick auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung.

 

Wirtschaftlich gesehen war das Jahr 2003 für Europa kein gutes Jahr.  Auch in 2004 gab es zunächst nur eine leichte Aufwärtsentwicklung. Das BIP stieg im I. Quartal 2004 um 0,6 %, die Arbeitslosenquote ist unverändert hoch. Wenn die Binnennachfrage auf diesem niedrigen Niveau bleibt, dann dürften die Wachstumsraten in der Eurozone für 2004 nicht über 1,4 bis 1,6 % hinausgehen. Für 2005 ist ein etwas höheres Wachstum möglich.

 

Alle Hoffnungen ruhen auf 2004, Hoffnungen, dass es der europäischen Wirtschaft wieder gelingt, wieder Fahrt aufzunehmen, dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht und dass vor allem der private Konsum stärker wird. Es gibt dabei ein Problem: Die Stärke des EURO.

 

Eine entscheidende Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Aufschwung auch in den einzelnen Binnenwirtschaften und für ein Widererstarken der privaten Nachfrage ist die Reduzierung der Arbeitslosigkeit und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. In 2003 betrug die Arbeitslosenquote in der EU 8,4 %.

 

 

Insolvenzentwicklung in Europa

Die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche in Europa ist in 2003 weiter gestiegen: 157.000 Fälle bedeuten einen Anstieg um 6.000 Insolvenzen oder ein Plus von 3,9 % gegenüber dem Vorjahr.

 

In Deutschland stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 5,5 %. Sie lag damit über dem Durchschnitt der Europäischen Union. 39.700 Firmen stellten sich dem Insolvenzrichter.

 

Obwohl die wirtschaftliche Entwicklung in Europa Aufwärtstendenzen in einigen Ländern zeigt, gibt es noch keine Zeichen für einen turnaround in der Pleitenfront. Dennoch die Zuwachsraten bei den Insolvenzen haben abgenommen: Lag der Anstieg in 2002 bei den Unternehmensinsolvenzen noch bei 10 %, so zeigt der letzt jährige Anstieg um 4 %, dass sich die Aufwärtsentwicklung etwas abgeschwächt hat.

 

Den höchsten Zuwachs bei insolventen Unternehmen hat Portugal mit 3000 Fällen und einem Zuwachs von 43 %. An zweiter Stelle Norwegen mit einem Zuwachs von 18,3 % auf 3080 Insolvenzfälle. Schließlich die Schweiz mit einem zweistelligen Zuwachs um 13,4 % auf 4500 Unternehmenszusammenbrüche.

 

Am anderen Ende der Liste Irland: Der keltische Tiger konnte die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche um 16 % auf 316 reduzieren. Das ist weniger als in einer deutscher Großstadt: Düsseldorf z.B. verzeichnete 480 Firmeninsolvenzen in 2003.

 

Dank niedriger Steuersätze hat sich Irland in den letzten 30 Jahren vom Armenhaus der EU zu einem der meist bevorzugten Standorte für internationale Unternehmen entwickelt. Sieht man die Dinge aus deutscher Sicht und berücksichtigt man die Insolvenzsituation in diesem Land, so sind die ökonomischen Rahmenbedingungen in Irland beispielhaft: Es gibt zwei private Einkommensteuersätze: 22 und 41 %, die Kapitalertragssteuer wurde auf 20 % halbiert und die Körperschaftssteuer, die wichtigste für Investoren, liegt bei 12,5 %. Und dennoch: Die Steuereinnahmen haben seit 1990 verachtfacht.

 

Spanien, eines der big five Europas verzeichnet einen signifikanten Rückgang der Insolvenzzahlen, ein Minus um 13,4 %.

 

Die Gesamtzahl der Insolvenzen in Westeuropa in 2003 unter Einschluss der Verbraucherinsolvenzverfahren ist um 10 % auf ein neues Rekordhoch von 270.000 Fälle angestiegen. Die Zahl in 2002 lag bei 245.000. Dieser Anstieg ist vor allem auf die Entwicklung in Deutschland und England zurück zu führen. In Deutschland lag die Gesamtzahl bei100.000 Insolvenzen (plus 18% gegenüber 2002). Das Vereinigte Königreich registrierte 54.000 Insolvenzfälle, ein Zuwachs um 5,4 %. In diesen beiden Ländern und in Österreich, Norwegen, Schweden und den Niederlanden war der Zuwachs der Verbraucherinsolvenzverfahren größer als der bei den Unternehmen.

 

Bezieht man die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen auf die Zahl der existierenden Betriebe in den einzelnen Ländern, so schneidet Spanien am besten ab. Hier kommen zwei Fälle auf insgesamt 10.000 existierende Betriebe. An zweiter Stelle ist Griechenland mit 6, danach Irland mit 33 Insolvenzfällen auf 10.000. Am Ende der Tabelle stehen Österreich mit 247 Insolvenzen für 10.000 existierende Betriebe, Schweden mit 299 und Luxemburg mit 321. Der westeuropäische Durchschnitt liegt bei 80 Insolvenzen auf 10.000 Unternehmen. Deutschland liegt in der Mitte der Tabelle mit einer Quote von 136 Firmen auf 10.000 existierende Betriebe.

 

Die steigende Zahl von Unternehmenszusammenbrüchen in Europa ist maßgeblich auf Finanzierungsprobleme zurück zu führen. Insbesondere darauf, dass viele Unternehmen eine viel zu schwache Eigenkapitalquote aufweisen. Niedrige Eigenkapitalquote (Eigenkapitalausstattung im Verhältnis zur Bilanzsumme) bedeutet

Gefährdung der Unternehmensstabilität. In Krisenzeiten hat das Unternehmen keine Resourcen, um überleben zu können und entstandene Verluste auszugleichen.

 

Der Zusammenhang zwischen Eigenkapitalausstattung und Insolvenzbedrohung wird deutlich, wenn man die Insolvenzentwicklung in Europa über einen Zeitraum von 6 Jahren betrachtet. In Deutschland, wo die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung speziell von kleinen und mittleren Unternehmen chronisch niedrig ist, stieg die Zahl der Insolvenzen um etwa 50.000 Fälle (+ 150 %) an. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Unternehmens-Zusammenbrüche in Frankreich, wo die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung hoch ist, um rund 22.000 Fälle oder um 50 % ab.

 

Solange sich die finanzielle Situation der KMU in Europa nicht stabilisiert, wird die Zahl der Insolvenzen weiter steigen. Für Ende 2004 erwarten wir einen Zuwachs der Insolvenzfälle auf rund 300.000 in Europa. Die Zahl der Unternehmenszusammen-brüche dürfte bei rund 170.000 liegen. In Deutschland, wo die Insolvenzen ein neues Hoch erreichen werden, ist mit 115.000 Insolvenzen insgesamt zu rechnen. Davon werden 40.000 Unternehmen betroffen sein.

 

 

Strukturen von KMU

 

Die Großen zelebrieren ihren Abgang, die Kleinen verschwinden still und heimlich. Mittelständische Unternehmen sind am stärksten von Insolvenzen bedroht, sie dominieren auch die Unternehmensszene in allen westeuropäischen Ländern. Es gibt etwa 20 Mio. Firmen in Europa. Von diesen beschäftigen nur 50.000 mehr als 250 Mitarbeiter.  Das bedeutet, dass 99 % der europäischen Unternehmenslandschaft von kleinen und mittleren Unternehmen dargestellt wird.

 

In 2003 wurden mehr als 1,7 Mio. Menschen wegen der Insolvenz ihres Arbeitgebers arbeitslos. 100.000 Personen mehr als noch ein Jahr zuvor. Im Durchschnitt liegt die Zahl der betroffenen Mitarbeiter bei 11 pro Unternehmen. Wahrscheinlich dürfte die Zahl unter Berücksichtigung weiterer Faktoren etwas niedriger und bei 6 anzusiedeln sein.

 

Fragt man kleinere und mittlere Unternehmen nach den wesentlichen Zielen ihrer Unternehmensstrategie, so setzen sie den Kampf ums Überleben ebenso an die erste Stelle wie das Wachstum ihres Unternehmens. 20 % der Firmen sehen den Erhalt ihrer Existenz wichtiger an als Ertragszuwächse oder Innovationen. KMU leiden häufig unter sinkenden Beschäftigungszahlen. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Zahl der insolvenzbedingten Arbeitsplatzverluste höher ist als die vermuteten 1,7 Mio. Im Kampf um die Existenz werden meistens schon vor dem Zusammenbruch Mitarbeiter freigesetzt. So erscheint es fast paradox, das KMU auf der anderen Seite auch beklagten, dass eines der größten Probleme für Sie die Unmöglichkeit ist, gut qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen oder sie freisetzen zu müssen.

 

Insgesamt gesehen und dies gilt für ganz Europa stehen KMU nicht auf der Sonnenseite des Wirtschaftslebens. In den letzten Jahren waren die wirtschaftlichen Zuwachsraten im Wesentlichen exportbedingt. Dies betrifft sowohl die Europäische Union insgesamt, als auch die einzelnen Mitgliedsstaaten mit ihren unterschiedlichen  Import- und Exportquoten. Der wirtschaftliche Niedergang begann im Jahre 2001, und in 2002 war es vor allem der Export, der am schnellsten wieder zu genesen schien. KMU arbeiten überwiegen lokal oder regional. Sie profitieren nur indirekt von einem Anspringen der Exportkonjunktur. Eine Untersuchung der EU zeigt, dass kleine und mittlere Betriebe nicht mehr als 7 % Exportanteil haben und dass diese Exporte meistens in die grenznahen Bereiche gehen. So kommt es, dass Chancen und auch Schwierigkeiten der Exportindustrie diese kleinen Firmen nur indirekt treffen, vor allem dann, wenn sie mit größeren Unternehmen - Kunden oder Lieferanten - unmittelbar verbunden sind. Je kleiner das Unternehmen, desto kleiner ist auch sein Markt.

 

In Deutschland und in vielen westeuropäischen Ländern ist es vor allem die schwache Binnennachfrage die den kleinen Unternehmen Probleme bereitet und die auch maßgeblich ist für den starken Zuwachs bei den Insolvenzen. Während in einigen europäischen Ländern die Verbrauchernachfrage relativ stabil geblieben ist, verzeichnet Deutschland seit Jahren eine unübersehbare Konsumschwäche.

 

 

Die Osterweiterung der EU

 

Am 01. Mai 2004 sind 10 weitere Länder der EU beigetreten. Die wirtschaftliche Situation in den neuen Mitgliedsstaaten erscheint relativ stabil.

 

Dennoch bedarf es auch zur Unterstützung der in diesen Ländern agierenden Unternehmen einer Verbesserung, vor allem der gesellschaftsrechtlichen Rahmenbedingungen. Hier gibt es doch einigen Nachholbedarf. Die Gründung von Unternehmen, auch ihr Ausscheiden aus dem Markt, sind gesetzlich geregelt. Das gilt z.B. für die Tschechische Republik und Slowenien. Aber die praktische Umsetzung findet nur unzureichend statt, insbesondere wenn es um das Ausscheiden von Unternehmen aus dem Markt geht.

 

In vielen Fällen gibt es noch kein funktionierendes Insolvenzrecht. Verstöße bleiben deshalb ungeahndet. So kommt es, dass eine Vielzahl von Unternehmen weiter im Markt bleibt, obwohl sie praktisch schon insolvent sind und damit auch Forderungsverluste für ihre Geschäftspartner verursachen.

 

Werfen wir einen Blick auf die Insolvenzsituation in den neuen Mitgliedsstaaten der EU: Im letzten Jahr stieg die Zahl de Unternehmenszusammenbrüche um 3 % auf 21.500 Fälle. Realistischerweise muss man hinzufügen, dass diese Zahlen wahrscheinlich nicht mehr sind als die Spitze des Eisberges. Viele Firmen, die nach westlichem Standard längst bankrott sind, arbeiten immer noch weiter.

 

 

Stabilitätsrisiko Nr. 1: Finanzierung

 

Eine große Zahl von Unternehmenszusammenbrüchen wird verursacht durch erhebliche Finanzierungsprobleme der KMU. Vor allem wegen der schwachen Eigenkapitalausstattung ergibt sich eine hohe Existenzgefährdung kleinerer und mittlerer Unternehmen. Die Eigenkapitalquote von KMU in Europa unterscheidet sich gravierend. Sie hängt vorrangig ab von der Finanz- und Steuersituation in den einzelnen Ländern: entscheidende Faktoren sind das Steuersystem, die Struktur des Bankensektors und die finanzwirtschaftliche Ausrichtung des jeweiligen Landes. Während Franzosen, Belgier und Holländer über eine relativ gute Eigenkapitalausstattung verfügen, sind die Quoten in Österreich und vor allem in Deutschland chronisch schwach. In Frankreich haben kleinere Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis zu 50 Mio. € im Durchschnitt eine Eigenkapitalquote von 34 %. Zum Vergleich: Deutsche Mittelständler liegen mittlerweile bei nur noch 7,5 % Eigenkapital gemessen an der Bilanzsumme. Und dies wird in der Entwicklung der Insolvenzzahlen deutlich. Frankreich und Belgien haben seit 1997 einen Rückgang der Insolvenzquoten, Österreich und Deutschland registrieren einen permanenten Anstieg.Es gibt verschiedene Gründe warum die deutschen Mittelständler eine so niedrige Eigenkapitalquote gemessen am europäischen Standard aufweisen. Das deutsche Steuersystem begünstigt die Fremdfinanzierung, weil Zinszahlungen von der Steuer abgesetzt werden können und das deutsche Steuersystem ist rechtsformabhängig. Personengesellschaften werden schlechter gestellt als Kapitalgesellschaften und dass, obwohl die Mehrzahl der Firmen im deutschen Mittelstand Einzelunternehmen oder Personengesellschaften sind. Der Spitzensteuersatz bei der Einkommenssteuer in Deutschland inklusive des so genannten Solidaritätszuschlages liegt bei über        50 %, im Ranking der 17 führenden Industrienationen liegt Deutschland damit am unteren Ende der Tabelle.

 

Auch neueste Untersuchungen bestätigen, die Eigenkapitalquote des deutschen Mittelstandes ist chronisch schwach und das ist ein wesentlicher Grund, warum Deutschland die europäische Insolvenzrangliste anführt. Mit zunehmend rückläufigen Eigenkapitalquoten sind die deutschen Mittelständler immer mehr abhängig von Bankkrediten. Die Beziehung zu ihrer Hausbank ist der entscheidende Faktor für die Unternehmensfinanzierung. Hier haben sich die Dinge in den letzten Monaten verändert. Die Bankmargen im Firmenkreditgeschäft gingen massiv zurück, die Forderungsausfälle wegen hoher Insolvenzzahlen nahmen zu und Basel II setzte neue Akzente. Folge: KMU haben zunehmende Schwierigkeiten Bankkredite zu erhalten. Die Kreditvergabe durch Banken hat sich in den letzten zwei Jahren nachhaltig reduziert. Dies ist ein entscheidender Grund auch für die Zunahme der Firmenzusammenbrüche nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Eurozone. Insgesamt ist in Europa die Kreditvergabe an Unternehmen rückläufig. Zahlen aus August 2004 zeigen einen weiteren Rückgang um 6 %. Ein Rückgang, der im Wesentlichen verursacht ist durch die Zurückhaltung der Banken in Deutschland.

 

Die Reduzierung der Kreditvergabe in Europa, speziell in Deutschland, bedeutet für kleine und mittelständische Unternehmen, die ohnehin durch ihr schwaches Eigenkapital schon in Mitleidenschaft gezogen sind, auch, dass sie am Wachstumsprozess nicht teilnehmen können. Ihnen fehlt das für die Finanzierung von Investitionen notwendige Geld.

 

Für viele Banken ist die Kreditvergabe an KMU gleichbedeutend mit einem hohen Ausfallrisiko. Hinzukommt eine, vor allem in Deutschland, zurückhaltende Informationspolitik der Unternehmen gegen über ihren Banken. In einem Zeitalter wo Rating-Systeme dominieren, ist mit zurückhaltender Informationspolitik gegenüber der Bank beim Kredit kein Staat zu machen.

 

Ein entscheidendes Liquiditätsproblem für europäische Mittelstandsunternehmen ist auch die nachlassende Zahlungsmoral ihrer Kunden.

 

Betrachtet man das Zahlungsverhalten der Unternehmen quer durch Europa, so lässt sich feststellen, dass Länder wie Frankreich, Belgien und Italien mit Zahlungsfristen zwischen 56 und 85 Tagen weit über dem europäischen Durchschnitt liegen. Sie verursachen Finanzierungsprobleme bei ihren Lieferanten.

 

Die unselige Verbindung von mangelndem Eigenkapital, verspäteten Zahlungen oder Zahlungsausfällen können direkt in die Pleite führen. Dies besonders dann, wenn parallel dazu Umsätze und Erträge zurückgehen.

 

Diese Situation wird verschärft durch den schwierigen Zugang für KMU zu Bankkrediten. Die Banken ändern ihre Finanzierungsstrategien nicht nur wegen Basel II. Sie überprüfen ihre Kreditportfolios, sie versuchen ihre Risiken zu reduzieren, um ihre Ertragssituation wieder zu verbessern.

 

Was die Unternehmen betrifft, so beeinflussen natürlich auch andere Faktoren ihre Stabilität. Ein Viertel aller Unternehmenszusammenbrüche in Europa wird durch verspätete Zahlungen von Kunden verursacht. Die im August 2000 in kraft getretene Richtlinie zur Beschleunigung des Zahlungsverhaltens hat hier wenig geholfen. Das gilt auch für solche Länder, in denen sie bereits in Kraft ist.

 

So verbleibt für KMU die Notwendigkeit, ihre Aktivitäten über Bankkredite zu finanzieren oder notfalls durch Überziehungskredite sicherzustellen. Ein Überblick der Beratungsfirma Grant Thornton zeigt, dass 41 % der europäischen Mittelstandsfirmen Kreditbeziehungen nur mit einer Bank unterhalten. Ein weiteres Drittel hat zwei oder drei Bankverbindungen und nur 5 % haben mehr als drei.

 

Im Zuge der Basel II-Regulierungen und der Absicherung der Risiken werden Banken zukünftig von Unternehmen Transparenz bezüglich ihrer finanziellen Situation verlangen. Eine Mindestanforderung wird auf jeden Fall sein, dass Unternehmen ihren Banken die Jahresabschlüsse vorlegen müssen. Die Studie einer

Europäischen Beratungsgesellschaft zeigt, dass im Moment nicht mehr als 60 % aller mittelständischen Kreditnehmer in Europa dies regelmäßig tun.

 

Hier besteht also offensichtlich erheblicher Handlungsbedarf.

 

 

Zunehmende Kreditrisiken - eine Herausforderung für

Wirtschaftsinformationssysteme

 

Die Zurückhaltung beim Bankkredit führt zu einer Ausweitung des Lieferantenkredits. Eine Untersuchung der deutschen Bundesbank zeigt, dass das Verhältnis zwischen kurzfristigen Bankkrediten und Lieferantenkrediten mit 1 : 3 zu beziffern ist; d.h. die  Unternehmensfinanzierung macht mittlerweile mehr als das Dreifache der Bankfinanzierung für Unternehmen aus.

 

Die Finanzierungsfunktion der Unternehmen für ihre Kunden wächst von Jahr zu Jahr.

Nach den Basel II-Regeln erhöht sich die Eigenkapitalsanforderung beim Bankkredit mit zunehmendem Risiko. Da Banken schon heute darauf aus sind, ihr Kreditportfolio so positiv wie möglich darzustellen, ist mit einer weiteren Zurückhaltung bei Bankkrediten durchaus zu rechnen. So werden strukturell schlecht aufgestellt Unternehmen versuchen, ihre fehlenden Zugangsmöglichkeiten zum Bankkredit durch Lieferantenkredite auszugleichen. Dies bedeutet auf der anderen Seite, dass Lieferantenkreditgeber mit zunehmenden Risiken und zunehmenden Kreditprüfungserfordernissen für sich selbst rechnen müssen.

 

Die weiter ansteigenden Kreditrisiken sind eine große Herausforderung für Wirtschaftsinformationssysteme in Europa. Ihre Aufgabe ist die Datenbank-gestützte Erteilung von Wirtschaftsinformationen und Zahlungserfahrungen, kurz gesagt, die Bewertung der Bonität von Kreditnehmern und Geschäftspartnern. Z. Zt. sind etwa 60 Unternehmen Mitglied von FEBIS (Federation of Business Information Services). Ihre Aufgabe ist es, Kreditrisiken zu identifizieren und dies möglichst zu einem frühen Zeitpunkt.

 

Einer der maßgeblichen Player in Europa ist Creditreform, 1879 gegründet, um Mitglieder vor Forderungsverlusten zu schützen. De Aufgabe hat sich bis heute nicht verändert. Creditreform bietet neben den Kerngeschäften Auskunft/Datenbanken, Forderungsmanagement/Inkasso- und Marketing-Service eine Vielzahl weiterer Dienstleistungen an. Prüfung von Konsumentenkrediten, Rating für mittelständische Unternehmen, mikrogeographische Datenbanken und Bonitätsprüfungen im e-business sind hierfür nur einige Beispiele. Creditreform unterhält allein in Deutschland 130 Gesellschaften mit insgesamt 3.300 Mitarbeitern. Die Organisation erreichte 2003 in Gesamteuropa mit Gesellschaften in 18 Länden einen Umsatz von 440 Mio. €.

 

Die Creditreform-Gruppe, die ich heute hier vertrete, bietet den Zugang zur größten Datenbank für deutsche, österreichische und Schweizer Firmen, mit insgesamt über 4 Mio. Wirtschaftsauskünften. Die rd. 170.000 Kunden  erreichen unsere Datenbanken entweder über das Internet oder unter Nutzung spezieller Softwaretools. Insgesamt stehen neben den drei genannten Ländern weitere 17 europäische Länder mit ihren Datenbanken zur Verfügung. Hier sind mehr als 20 Mio. Unternehmensprofile und Unternehmensauskünfte rund um die Uhr abrufbar. Um einen Begriff vom Volumen unseres Geschäftes zu geben, kann gesagt werden, dass im Jahre 2003 mehr als 15 Mio. Auskünfte abgerufen worden sind.

 

Unternehmen, die unter der schleppenden oder langsamen Zahlungsweise ihrer Kunden zu leiden haben, werden durch unser Inkassoangebot unterstützt. Hier wird sichergestellt, dass das Geld so schnell wie möglich realisiert wird. Creditreform bearbeitet z. Zt. mehr als 4 Mio. Fälle und wird von Jahr zu Jahr mit etwa 1,5 Mio. Aufträgen neu versorgt.

Der Bonitätsindex gibt einen schnellen Überblick über die Zahlungsfähigkeit und die Bonität eines Unternehmens. Er ist heute integraler Bestandteil vieler Kreditrisikomanagementsysteme von Unternehmen in Europa, er trägt dazu bei Forderungsverluste frühzeitig zu erkennen und auch zu verhindern. Es gelingt damit auch, die Existenz von Unternehmen zu sichern.

 

 

Finanzierungsprobleme machen quer durch Europa den mittelständischen Unternehmen sehr zu schaffen

 

Ein Ende der Insolvenzwelle ist nicht in Sicht. Unternehmen müssen versuchen, die Existenz ihres Unternehmens zu sichern. Hierfür ist ein funktionierendes  Wirtschaftsinformationssystem und ein starkes Kreditmanagement im Unternehmen selbst unabdingbar. Die Zusammenarbeit mit einem Kreditinformationsanbieter bedeutet mehr als die Reduzierung der Forderungsausfälle. Bestimmung von Kreditlimiten, Reduzierung der Zahlungsfristen und Stärkung der Liquidität sind einige der zusätzlichen Vorteile.

Die derzeitige Situation der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Europa ist außerordentlich riskant. Wir alle wissen, dass Betriebsgründungen und Betriebsschließungen Teil des wirtschaftlichen Kreislaufes sind. Aber die Zahl der Insolvenzen in diesen Tagen ist um ein Vielfaches zu hoch, Um eine vernünftige Balance im wirtschaftlichen Gleichgewicht herbeizuführen, müssen wir alle unsere Aufgaben erfüllen. Politiker müssen dazu beitragen, Unternehmer in ihrem Kampf um Überleben durch vernünftige Gesetze und Entscheidungen zu unterstützen. Die Unternehmer selbst müssen richtige Entscheidungen zum Wohle ihrer Unternehmen treffen. Die Banken sind verpflichtet, mit den erforderlichen Finanzmitteln unter Berücksichtigung von Risikoprüfungen zur Verfügung zu stehen.