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07.09.2009  

10. VEJ - Mediendialog

4. und 5. September 2009 in München - Vortrag von Eberhard Piltz: Obama: Can he deliver?


Ein Höhepunkt des 10. Mediendialogs war der Vortrag von Eberhard Piltz, Professor an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film. Die meisten Fernsehzuschauer erinnern sich noch gut an seine brillante Berichterstattung etwa aus den USA, wo Piltz lange Jahre das Studio Washington des ZDF geleitet hat. „Obama und Europa – neue Chance für die transatlantische Beziehung“ war sein Thema:

                                 Obama:  Can he deliver?

Große Erleichterung herrscht in Deutschland und Europa, „dass Bush weg ist“, sagte Piltz. Er habe Obama bei seinen Wahlkampfauftritten beobachtet, habe gesehen, wie er durch die Universitätsstädte der USA getourt sei um dort die Stimmung zu erkunden. In dieser Zeit sei er authentisch, persönlich gewesen, wie später nie wieder, wo das menschlich-spontane überlagert wurde vom berechnenden. Obama konnte 2000 Menschen in seinen Bann schlagen. Fernsehzuschauer fragten damals besorgt: „Can he deliver“, kann er alles was er verspricht auch in Politik umsetzen?

Bei dem „überdrehten Spektakel“ des US-Wahlkampfes hätten Sachfragen kaum noch eine Rolle gespielt. Die „multiethnische Show“ stehe für einen „Aufbruch in den USA, wie lange nicht mehr“. Es war eine „romantische Form von Verliebtheit“, die Obama entgegenschlug. Und auch in der deutschen Provinz kürten Wähler ihren Favoriten zu „unserem Obama“ und schwenkten Plakate mit fetten Lettern auf denen stand: Yes, we can. Eine „Posse“, wie Piltz feststellte. (m.beilhack@hff-muc.de)

Die Aussenpolitik spiele im Moment kaum eine Rolle. Zwar würde aus Canada Druck auf die USA ausgeübt, die Verbündeten in Afghanistan zu mehr militärischem Engagement zu bewegen. Auch nehmen die USA die Verärgerung in Polen und den Baltischen Staaten in Kauf, weil Obama „Russland mit ins Boot“ holen will.  Die drängenden Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Gesundheitsreform überlagerten aber alle anderen Themen. Mit einem kategorischen „Nein“ beantwortete Eberhard Piltz denn auch die Frage, ob sich die US-Administration von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in der Causa Opel die transatlantischen Beziehungen bemühte, unter Druck setzen lasse. Die Nöte deutscher Wahlkämpfer stiessen in Washington nur auf geringes Interesse. In der Klimapolitik seien die Worte schöner als die Taten; dennoch sei eine Veränderung im Gange. Beeindruckend, was zur Wirtschaftserholung in den USA gemacht worden sei.

Unter Obama böten sich potentiell mehr Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Man solle sich aber nicht täuschen: auch unter ihm werde „knallharte Interessenpolitik“ gemacht. Für Europa sei es aber ein Segen, daß die „ideologische Bunkermentalität“ der Bush-Ära zu Ende ist. Die Bush-Administration sei ein Bunker gewesen, in dem sich Ideologen gegenseitig in ihrer Meinung bestärkt und den Sinn für die Realität verloren hätten. Im Moment sei der neue Präsident aussenpolitisch noch nicht wirklich „getestet“ worden.

Obamas Stern sinke gegenwärtig in den USA. Alles, was über 60 Prozent Zustimmung hinausgehe, sei „golden“. Wenn die Zustimmung, wie jetzt, unter 55 Prozent falle, werde es gefährlich. Um für seine Gesundheitsreform zu werben, verschicke das Weisse Haus 13 Millionen E-Mails an frühere Unterstützer. Obama führe damit also einen „permanenten Wahlkampf“. Ob ihm sein Charisma hilft? Piltz bezweifelt das. Dazu sei der neue Präsident zu tief in den Machtstrukturen verstrickt.

Text und Foto: Jürgen Conrad (juconrad@web.de)