Reports

Report

03.09.2007 Von: Jürgen Conrad
 

8. VEJ-Mediendialog

(26. – 27. August 2007 beim ZDF in Mainz)


Ukraines Weg nach Westen
Innovationen – der Motor für Dienstleister
Ein Weinseminar mit Ulrich Kienzle
Al Quaida –Terror, eine Bedrohungsanalyse von Elmar Theveßen
Udo van Kampen neues Ehrenmitglied der VEJ
Diplôme d’Honneur für Rotger Kindermann

In seiner Eröffnungsrede begrüsste der Präsident der VEJ, Rotger Kindermann, neue und alte Mitglieder, allen voran Anne Wagenlehner, die Witwe des langjährigen VEJ-Präsidenten und internationalen Generalsekretärs Günther Wagenlehner, und er erinnerte an das „großartige Werk“ des VEJ-Gründungspräsidenten. Aus Trient war Dr. Paolo Magagnotti angereist, der Präsident der European Journalists Association – The communication network. Die EJ ist der neugegründete Dachverband, der nach der Spaltung der AEJ aus ihr hervorgegangen ist. Alter Schatzmeister der AEJ und neuer der EJ ist Marc Williere aus Luxemburg, der ebenfalls herzlich begrüsst wurde. Für die erfolgreiche Ausrichtung des Mediendialogs in Nürnberg im    vergangenen Jahr dankte     der VEJ-Präsident
                                                                                                      Rotger am Mikrofon 
dem Leiter der DATEV-Pressestelle, Peter Willig und seiner Mitarbeiterin Claudia Specht. Einen „großartigen Kämpfer für die europäische Integration“ nannte Kindermann das VEJ-Ehrenmitglied  Rudolf du Mont du Voitel, der aus Nürnberg kam. Ein besonderer Dank ging an das VEJ-Vorstandsmitglied Marlene Künster von PHOENIX für die Organisation der beiden Tage in Mainz. Unter dem Beifall der rund 40 Teilnehmer gab Kindermann seiner Freude über die Genesung des VEJ-Vizepräsidenten Marwan Chourbaji Ausdruck.

Welche Beitrittsperspektive hat die Ukraine. Wie steht es um die Westintegration des Landes?

Bevor der VEJ-Präsident dem ersten Referenten das Mikrofon übergab, merkte Kindermann an, nicht wenige politische Beobachter hielten den EU-Beitritt der Ukraine für wesentlich dringlicher als den der Türkei. Auch in der Ukraine habe die EU-Perspektive die marktwirtschaftlichen Reformen erheblich stimuliert. Es stelle sich aber auch die Frage, ob sich die Demokratie in dem Land inzwischen hinreichend gefestigt habe. Der andauernde politische Streit von zwei unversöhnlich gegeneinander kämpfenden Lagern  mache skeptisch. Zugleich sei aber die deutsche Wirtschaft der größte Investor in diesem Land, mit Direktinvestitionen in den letzten drei Quartalen in Höhe von 4,3 Milliarden Euro.

Professor Dr. Hans-Jürgen Doss, für die CDU lange Jahre im Bundestag und heute Präsident der deutsch-ukrainischen Gesellschaft, legte ein leidenschaftliches Bekenntnis für die Ukraine ab, mit 48 Millionen Einwohnern der zweitgrößte Flächenstaat Europas. (www.architekten-doss-over.de) Ohne eine EU-Perspektive gebe es eine große Ernüchterung in dem Land, das so hoffnungsvoll nach Westen schaut. Die jungen Menschen wollten Teil der westlichen Gesellschaft sein. Man müsse ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Eine begrenzte Freihandelszone könnte nach seinen  Worten    ein    erster    Schritt   sein.    Und
             Prof. Doss am Vorstandstisch
Deutschland sollte dabei helfen. Denn „die Ukrainer mögen die Deutschen“. In der „Orangenen Revolution“ hätten sich Ukrainer mit viel Engagement für die Demokratie eingesetzt und die Bewährungsprobe bestanden. Es gebe keinen Grund, über demokratische Defizite die Nase zu rümpfen. Er verwies auf die DDR, wo auch heute noch die Demokratie keineswegs in allen Köpfen verankert ist. Die Ukraine gehöre zu Europa, so Prof. Doss. In diesem Punkt sei er anderer Meinung als sein Parteikollege Ingo Friedrich, der landauf, landab vor der „Überdehnung“ der EU warnt.

 

Im Anschluß daran referierte Dr. Diana Robers von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers AG (www.pwc.com/de) in Frankfurt am Main über  Innovationen für Dienstleister.

In Deutschland werden 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BiP) mit Dienstleistungen erwirtschaftet, in den USA sind es sogar 85 Prozent. Das habe nichts mit Haareschneiden zu tun, betonte Frau Robers. Vielmehr fielen unter Dienstleistung so gewichtige Sektoren wie Transport und Logistik, Finanzdienstleistungen, Telekommunikation und IT-Dienstleistungen, Unterhaltung und Medien oder die Energieversorgung. Der Dienstleistungs- und der Produktionsbereich wüchsen immer mehr zusammen. Neue technologische Verfahren oder neue Geschäftsmodelle entstehen. „Wissens-intensive Dienstleistungsbranchen“ kämen auf jährliche Wachstumsraten zwischen 10 und 15 Prozent mit entsprechenden   Aus-wirkungen auf Beschäftigung und Kaufkraft, sagte Frau Robers (diane.robers@de.pwc.com).

Anstösse zu Innovationen kämen u.a. aus neuen Geschäftsmodellen, die die Mitarbeiter

„vor dem Hintergrund neuer technologischer Anwendungsmöglichkeiten oder Megatrends wie Klimawandel, Mobilität oder der Digitalen Welt“ entwickeln. Sie führten zu Dienstleistungsinnovationen, also Leistungsangeboten, die am Markt als neuartig empfunden würden. Beispiele für kundenorientierte Dienstleistungen seien Google, Ebay, die Kaffeehaus-Kette Starbucks oder Ryan Air. Auch die Hotelsuche per Internet, unabhängig von traditionellen Öffnungszeiten von Reisebüros, falle darunter. So manchem Zuhörer war allerdings der Nutzen für die Kunden etwa bei sogenannten Innovationen der Telekom nicht ersichtlich. Vielfach würden Innovationen als Selbstzweck oder schlicht als Rationalisierungsmaßnahmen wahrgenommen, die auf Kosten der Mitarbeiter und der Kunden gingen, so lauteten kritische Stimmen aus dem Publikum.

Noch werde Dienstleistung nur selten als Wachstumsmotor für neue Branchen und als Imagefaktor für das Land erkannt, sagte Frau Robers. Prüfen sollte man, ob Zukunftsbereiche, wie Infrastrukturdienstleistungen, Finanzdienstleistungen oder Dienstleistungen auf den Gebieten Telekommunikation, Medien und Gesundheit nicht exportfähig seien. Für Unternehmen böten sich Wettbewerbschancen, wenn sie neuen Ethikauflagen gerecht würden und nachhaltig wirtschafteten.

Petrus meinte es gut am Abend des ersten Tages in Mainz. An einem der letzten schönen Sommertage ging es hinaus nach Bodenheim unweit der rheinland-pfälzischen Hauptstadt.

Dort liegt an der Ölmühlstraße 25 eines der „besten Weingüter der Welt“, das Weingut Kühling-Gillot (www.kuehling-gillot.de). Roland Gillot nahm die Teilnehmer des VEJ-Medienseminars im Empfang.



                        Roland Gillot in Ringelpulli

 

Nicht nur Weintrinker wissen die edlen Tropfen zu schätzen, auch der Wein- und Gourmetjournalismus kommt ins Schwärmen. Zu diesen Weinkennern zählt Ulrich Kienzle, der sich einst mit Bodo Hauser scharfzüngige Duelle bei der Moderation des Politmagazins Frontal lieferte. Während VEJ-Vizepräsident Marwan Chourbaji sich erfolgreich der Mücken erwehrte, stellte Ulrich Kienzle Betrachtungen an über amerikanischen Industriewein und die sensibel bearbeiteten Weine traditioneller Herstellung, die die VEJ-Journalisten verköstigen konnten. Und mit jedem Glas stieg nicht nur die Stimmung. Es wuchs die Gewissheit: Een bessere Tropfe finste net.

oben Marwan kämpft mit Mücken,







links Marwans Hand über zwei toten Mücken

 

 

unten Kienzle am Tresen

                                                                  

Ein Highlight beim Besuch des ZDF am zweiten Tag des VEJ-Mediendialogs war der Vortrag des ZDF-Terrorismusexperten Elmar Theveßen. Er erstellte eine aktuelle

                      Bedrohungsanalyse des Al Quaida-Terrors.

Den fruchtbaren Boden des Terrors macht Theveßen in den Slums islamischer Städte wie dem von Casablanca aus. Dort sind 80 Prozent der Bevölkerung nicht älter als 30 Jahre, die meisten dieser jungen Leute sind ohne jede wirtschaftliche Perspektive. Auf jeder Wellblechhütte steht eine Satellitenanlage. Damit werden die Folterbilder aus dem US-Militärgefängnis von Abu Ghraib und die Botschaften der Hassprediger empfangen. Ausgerüstet mit kleinen Videocameras halten Terroristen jede noch so blutige Einzelheit ihrer Anschläge im Bild fest und senden sie garniert mit hasserfüllten Propagandatexten und Anleitungen zum Bombenbauen übers Internet an alle Terrornetzwerke und Terrorzellen in der Welt. Auch die Attentäter von London hätten ihr Wissen aus dieser, wie Theveßen sie nannte „virtuellen Universität des Jihad“ bezogen. Im Internet werden auch Selbstmordattentäter nach dem Motto verherrlicht „All is war“, so der Titel einer Rap-CD.

Die losen Strukturen des „Prinzips Al-Quaida“ hätten sich auch bei dem verheerenden Anschlag in Madrid besichtigen lassen.

Welche Ideologie hält sie zusammen? Nach Theveßen (THEVESSEN.E@ZDF.DE)  ist es die „Pflicht zum Jihad“, zum heiligen Krieg gegen die „Ungläubigen“, wobei der Wahabismus saudi-arabischer Prägung die ideologische Grundlage bilde.
                   Theveßen am Mikrofon

Warum machen junge Menschen in westlichen Ländern da mit? Da ist zum einen die persönliche Wahrnehmung wirtschaftlicher und sozialer Diskriminierung, zum anderen werde westliche Aussenpolitik als Doppelmoral empfunden, wenn einerseits westliche Werte gepredigt, andererseits die Bilder aus Abu Ghraib und Guantanamo, geheime CIA-Flüge und Folter diesen Werten Hohn sprächen. Die jungen Leute sollen das Gefühl dafür bekommen, daß es zum Reifeprozeß dazugehört, beim Jihad mitgemacht zu haben, wie dies Osama Bin Laden einmal gesagt haben soll.

Auch in Deutschland würden Moscheen finanziert, die Trainingskurse für Jihadisten anbieten. Die Kofferbomben von Köln, ein geplanter Anschlag auf das NENA-Konzert in Gelsenkirchen am 27. August 2006 seien Beispiele dafür, daß auch Deutschland Ziel des islamistischen Terrors sei, sagte Theveßen, Leiter der Hauptabteilung Aktuelles und stellvertretender Chefredakteur.

Theveßen forderte ein Gesamtkonzept zur Terrorbekämpfung. Dazu gehöre Glaubwürdigkeit. In Irak und Afghanistan müssten erfolgreich stabile Systeme etabliert werden. Der Westen müsste seine Wertvorstellungen besser kommunizieren. Zum Gesamtkonzept gehöre auch die geistig-politische Auseinandersetzung. Theveßen sprach sich gegen einen „Kuscheldialog“ aus, in dem wichtige Fragen um der Harmonie willen nicht angesprochen werden. Und er rief auf zu mehr Gelassenheit, auch wenn ein Szenario wie in London „mit großer Wahrscheinlichkeit“ auch in Deutschland denkbar wäre.

Für die deutschen Fernsehzuschauer sei er längst „Mister Europa“, sagte VEJ-Präsident Rotger Kindermann in seiner Laudatio auf Udo van Kampen, dem neuen Ehrenmitglied der VEJ.

Er kenne sich aus im El Dorado der Lobbyisten, er sei – als Brüsseler ZDF Korrespondent - Horchposten im EU-Viertel, dem nichts entgehe, ein ausgewiesener Kenner der Brüsseler Medienszene , der sein Geschäft mit höchster Professionalität betreibe. Udo van Kampen sei stets – bei aller journalistischen Distanz - ein Verfechter des neuen EU-Verfassungsvertrages gewesen. Zugleich habe er die Halbherzigkeiten beschrieben, die immer wieder die europäische Integration behinderten. Kindermann ging dann auf den wohl einschneidendsten Tag im Leben des Korrespondenten ein, dem 11. September 2001. Damals leitete er das Studio New York des ZDF, das in unmittelbarer Nähe der Twin Towers lag. Unvergessen bleibe, wie Udo van Kampen stundenlang live vom Ort des Schreckens berichtete. Er selbst schilderte die dramatischen Minuten der Entscheidung, sich in Sicherheit zu bringen oder zu bleiben. Tagelang hätte das Team im Studio gelebt in jenem Augenblick der Geschichte, der die Welt veränderte. 

van Kampen am Mikrofon

Was Europa angehe, so sei es noch immer schwierig, Europa-Themen im Sender zu platzieren, sagte van Kampen.  Die Ratifizierung der Verfassung sei „noch nicht in trockenen Tüchern“. Auch sei die Krise der EU noch lange nicht vorbei. Was Europa fehle, sei eine Vision. Und „die ist nicht in Sicht“. Eine mögliche Vision könnte sein: Ein Ja für Europa ist ein Ja für Frieden. Die EU müsse die Fragen junger Leute nach der Globalisierung und der Zukunft ihrer Arbeitsplätze und nach den Grenzen der EU beantworten. Die EU sei mit 27, 28 Mitgliedern immer schwieriger zu steuern. Van Kampen sprach sich für ein Europa der zwei Geschwindigkeiten aus. „Es wäre keine Katastrophe“, wenn ein Kreis von EU-Mitgliedern in der Aussen-, Sicherheits-, Wirtschafts- und Finanzpolitik weiter vorangeht, dabei aber die „Tür weit auflässt“.

 

Und noch jemand wurde an diesem Tag geehrt. Der VEJ-Präsident selbst erhielt aus der Hand des Generalsekretärs der luxemburgischen Fondation du Mérite Européen, Alexander Bojanowsky (alexander.bojanowsky@t-online.de) das Diplôme d’Honneur für seine „herausragenden Verdienste um den europäischen Journalismus und den Journalismus in Europa“. Rotger Kindermann habe mit seinem langjährigen ehrenamtlichen Engagement einen „entscheidenden Beitrag zur Verwirklichung der Ideen des Stiftungsgründers, des französischen Ökonoms Francois Visine, geleistet.

 Rotger erhält Diplôme d’Honneur

Der Jurist und Wirtschaftswissenschaftler, Weggefährte engagierter Europäer wie Alcide de Gasperi, Leo Tindemans, Jean Monnet und vor allem Robert Schuman, gründete 1970 die Stiftung Francois Visine, heute bekannt als Fondation du Mérite Européen. Sie steht unter dem Patronat des luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker und wird vom vormaligen EU-Präsidenten Jacques Santer geleitet.

Zeitlebens habe sich Visine für die Verwirklichung eines gemeinschaftlichen Europas eingesetzt. Man finde ihn auch an der Seite von Abbé Pierre. Mit ihm zusammen habe er gegen die zunehmende Armut bestimmter Bevölkerungsschichten gekämpft. Auch die deutsche Sektion habe sich das Motto Visine’s zu eigen gemacht: Vouloir l’Europe, Connaître ses problèmes et Agir pour sa réalisation. Europa wollen, seine Probleme kennen bzw. erkennen und sich für seine Realisierung einsetzen.

 
                                     VEJ-Leute im Studio                                                      Bildschirme im Studio

Eine Führung durch das ZDF beschloß den 8. Mediendialog. Von den 3.600 Mitarbeitern der größten Fernsehanstalt Europas bekamen die Teilnehmer zwar nur wenige zu sehen.  Ein Erlebnis war es allemal, bei der Sendung WISO live dabei zu sein.