Reports

Report

08.09.2008 Von: Jürgen Conrad
 

Wie können Medien zur Integration beitragen ?

Gemeinsame Fachtagung der VEJ und des NRW-Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration


3.9.2008 in der Handwerkskammer Düsseldorf

 

„Ali zum Dessert – Leben in einer neuen Welt“, so heißt das Buch von Hatice Akyün, Tochter einer türkischen Gastarbeiterfamilie, die seit 1972 in Duisburg aufwuchs (erschienen bei Goldmann). Rotger Kindermann, der Präsident der VEJ, zitierte daraus in seiner Eröffnungsrede im Sitzungssaal der Handwerkskammer Düsseldorf, weil es das Thema der Tagung anschaulich beschreibt: „Auch mein Vater hatte eine westliche Welt. Zu ihr gehörte die Tagesschau. Obwohl er nicht viel verstand, schaute er sie jeden Abend. Und wenn die blonde Ansagerin Hanni Vanhaiden auf dem Schirm war, wurde er ganz ruhig und lächelte sie an. Heute hat sich das leider geändert. Seitdem meine Eltern auf dem Dach ihres Hauses eine Satellitenschüssel anbringen ließen, schauen sie nur noch türkisches Fernsehen“.

 

Wie kann man die Eltern von Hatice zurückholen zur Tagesschau, um bei diesem Beispiel zu bleiben? Kindermann (kindermann@europa-journalisten.de)

räumt ein, dass die populäre „und richtige“ Forderung nach einer „bunteren Mischung“, nach Journalisten unterschiedlicher Abstammung, in vielen deutschen Medienhäusern allmählich erfüllt wird. Ganz nebenbei weist er auf die bunte Mischung in Vorstand und Mitgliedschaft der VEJ hin, deren ausdrücklicher Satzungszweck die Förderung der Integration in Europa, vor allem der Europäer ist.

 

Aber hilft die „bunte Mischung“ der Integration, wenn große Teile der Migranten sich trotzdem dem deutschen Medienangebot verweigern und sich verstärkt oder gar ausschließlich ausländischen oder muttersprachlichen Medien zuwenden ?, fragt Kindermann die etwa 65 angereisten Journalisten und Wissenschaftler, darunter die Professoren Jörg Becker von der Uni Marburg und Georg Ruhrmann von der Uni Jena,  Sven Gösmann,  Chefredakteur der Rheinischen Post, Miodrag Soric, Chefredakteur der Deutschen Welle, Galtiero Zambonini, Integrationsbeauftragter des WDR. Besonders begrüßte Kindermann den Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein Westfalen, Armin Laschet, Mitveranstalter der Fachtagung, sowie den aus Trient angereisten Präsidenten des Dachverbandes der VEJ,  der European Journalists Association (EJ), Dr. Paolo Magagnotti.

 

Mit Sorge betrachtet Kindermann das Bild der Migranten, wie es in Deutschland teilweise gezeichnet werde. Die Forderung des „nationalen Integrationsplans“ nach mehr positiven Beiträgen über Ausländer sei berechtigt und richtig, urteilt der VEJ-Präsident.  Dies dürfe aber nicht zu Lasten einer kritischen Berichterstattung gehen. Denn auch diese sei für das Gelingen der Integration unerlässlich.

„Eifersuchtsdramen hier, Ehrenmorde dort“

Damit sich Türken nicht nur über ihre eigenen Medien informieren, muss sich ihre Lebenswirklichkeit in den deutschen Medien, hier vor allem im Fernsehen, widerspiegeln, darauf verwies NRW-Minister Armin Laschet. Dies erfordere eigenes Nachdenken darüber, wie man mit der Sprache umgehe.

Wenn sich in Deutschland eine Familientragödie unter Deutschen abspiele, so spricht man schnell von einem Eifersuchtsdrama, „bei Türken heißt es Ehrenmorde“, sagte er. Daraus ergeben sich gravierende Folgen für die Wahrnehmung des jeweils Anderen. Auch sollten TV-Moderatoren nicht nur blond und blauäugig sein, wenn, wie in Nordrhein-Westfalen, 25 Prozent der Menschen einen Zuwanderungshintergrund hätten. Die gewandelte gesellschaftliche Wirklichkeit müsse sich dort widerspiegeln. Dies gelte übrigens auch für die Politik, für die Parlamente, wo „Menschen mit Migrationshintergrund“ noch viel zu wenig vertreten seien. Aber man müsse aber eine mögliche Erfolgsgeschichte sichtbar machen, sagte Laschet und nannte Henry Kissinger als Beispiel. Als Flüchtling kam er in die USA und brachte es bis zum US-Außenminister. 

Die Politik hat inzwischen reagiert. Immerhin hat es bis zum Jahre 2008 gedauert, bis die Bundesregierung zu einem Integrationsgipfel geladen hat, sagte Laschet. „Die Union hat lange verkannt, dass wir ein Einwanderungsland sind, die Linke, dass auch Anforderungen an die potentiellen Einwanderer gestellt werden müssen“. In NRW gebe es jetzt einen Sprachtest für Vierjährige, anschließend werde zwei Jahre lang gezielt gefördert. In Familienzentren würden in der Zeit, wo ihre Kinder im Kindergarten sind, Sprachkurse für die  (überwiegend) türkischen Mütter angeboten.

Über 40 Millionen Zugewanderte leben heute in der Europäischen Gemeinschaft. Verteilte man früher in Deutschland Rückkehrprämien und signalisierte damit den „Gastarbeitern“, seht her, ihr seid auf Dauer hier nicht erwünscht, so hat sich das Bild heute gewandelt. Der Wandel vom Gastarbeiterland zu einem zukunftsoffenen, wirtschaftlich starken Einwanderungsland sei inzwischen ein hoch-dynamischer Prozess, der zur Begleitung weiterhin eine kritische, besonnene und weltoffene Medienlandschaft benötige, sagte der Politiker. Durch den demographischen Wandel, die Alterung der Gesellschaft erkenne man, wo das Potential für die Zukunft des Landes liegt, und er betonte, wie notwendig eine gute Bildung und Ausbildung der jungen Leute sei. Leider sieht die Wirklichkeit trotz vieler guter Ansätze noch anders aus. In NRW seien 40 Prozent der Schüler ohne Hauptschulabschluss Kinder von Ausländern.

 
 

„Migranten müssen ihre Einstellungen verändern“

Mit Spannung erwartete die Runde im Konferenzsaal der Düsseldorfer Handwerkskammer die Ausführungen von Prof. Georg Ruhrmann. Der in Fachkreisen weit bekannte Kommunikationswissenschaftler an der Universität Jena forscht seit langem über das Thema Integration und die Bedeutung der Medien in diesem Prozess.

Der Wissenschaftler (www.uni-jena.de/medien/index2.htm) umriss zunächst kurz die Dimensionen sozialen Wandels in unserer Gesellschaft. Sie seien geprägt von der „Mediatisierung der Politik“ und der Kommerzialisierung der Medien, ihre Abhängigkeit von Anzeigen, ferner durch die Innovation der Medientechnik (Stichwort: Internet) und die damit einhergehende Individualisierung, die es ermöglicht, zu jeder Tages- und Nachtzeit überall jede Art der Information zu erhalten.

Was heißt überhaupt „Integration“, fragte Ruhrmann. Sie setzt die Kenntnis der Sprache voraus und die  „Kenntnis der sozialen Regeln“ des Aufnahmelandes. Daraus folgt: Migranten müssen ihre „Werte, Normen und Einstellungen verändern“, meinte Ruhrmann. Die Aufnahmegesellschaft hingegen akzeptiert das Verhalten der Einwanderer im privaten Bereich als Teil ihrer kulturellen Identität wie auch umgekehrt die Migranten die Inländer in deren privaten Bereich akzeptieren.

 

 

Spiegelt sich diese geforderte wechselseitige Toleranz in den Medien wider? Eine Presseanalyse in Deutschland habe ergeben, dass über Migranten entweder im Zusammenhang mit Kriminalität und Terrorismus berichtet wird, oder insgesamt Ausländer mit Gefahren („Ausländerflut“, „Sozialschmarotzer“) in Verbindung gebracht werden. Kurz: sie als Objekte fungieren, denen man sagen muss, was sie tun sollen und was nicht. Zu ähnlichen Befunden sei man auch im übrigen Europa, den USA, Kanada und Australien gekommen.

In den 90er Jahren habe man hierzulande versucht, über „Toleranzkampagnen“ das Bewusstsein der Bevölkerung zu verändern, öffentliches Vertrauen zu erhöhen („Ausländerhass, wir sagen NEIN“) und die zerstörte Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, was auch zu Erfolgen geführt hat. Der Wunsch nach persönlichen Kontakten ist allerdings in den neuen Bundesländern deutlich schwächer als in den alten Bundesländern, sagte Ruhrmann.

Die Wirkung der Medien ist nach Erkenntnis des Wissenschaftlers nur bei aktuellen Ereignissen groß, ansonsten wirken sie nicht einfach, „sondern Menschen lassen die Medien wirken“. Es hängt von ihrer Einstellung und dem Inhalt einer Sendung ab, ist „eingebettet in Lebensstile und soziale Milieus“ sie verläuft „interessengeleitet“, wobei Migranten eher den privaten Fernsehsendern zuneigen. Dabei erinnern sich die Zuschauer leichter an das Thema Einwanderung, wenn im Fernsehen eine Geschichte erzählt, über eine Episode aus dem Leben eines Einwanderers berichtet wird. Beim Thema Terrorismus bleibt die erklärende Darstellung leichter in Erinnerung. Sie müsste allerdings, und dies ist eine der Schlussfolgerungen Ruhrmanns, angereichert werden mit mehr Hintergrundinformation, wenn über Terrorismus im Zusammenhang mit Migration berichtet wird. Ausserdem müssten mehr Migrantinnen und Migranten in journalistische Führungspositionen kommen. „Das Potential ist da“. In der 2. und 3. Generation gebe es hervorragende Leute. Die journalistische Aus- und Weiterbildung müsse verbessert werden. Nur so seien Journalisten in der Lage, die komplexen Zusammenhänge von Migration zu recherchieren, zu verstehen und darzustellen, wobei persönliche Kontakte Vorurteile mindern können und der Journalist dann auch „Angstkommunikation“ leichter vermeidet. 

„Migranten leben in mehreren Medienwelten“

Eine Podiumsdiskussion leitete die zweite Hälfte der Fachtagung in Düsseldorf ein. Unter der Leitung von Sven Gösmann, dem Chefredakteur der Rheinischen Post, diskutierten Prof. Jörg Becker, Honorarprofessor an den Universitäten Marburg und Innsbruck, Dr. Paolo Magagnotti, RTTR la televisione, Trentino/Südtirol, zugleich Präsident der EJ, der European Journalists Association,  Miodrag Soric, Chefredakteur der Deutschen Welle, Bonn und Gualtiero Zambonini, Integrationsbeauftragter des WDR. Diskutiert wurde über „gelungene und verpasste Integrationschancen und die Medien als Prozessbegleiter und kritische Beobachter“.

Prof. Becker sagte, die meisten Forschungsarbeiten seien ohne die Mitwirkung von Migranten gemacht worden. Die Medien schreiben an der Lebenswirklichkeit der Migranten vorbei.

Damit war Soric von der Deutschen Welle nicht einverstanden. Er glaube nicht, dass die öffentlich-rechtlichen Medien an den Menschen vorbei senden.

Zambonini vom WDR sagte, die große Mehrheit der Migranten nutze deutsche Medien. In der Realität lebten Migranten in mehreren Medienwelten, nutzten deutsche und türkische Medien, wobei die Privatsender mehr ausländische Zuschauer hätten. Nachrichtensendungen wie die „Tagesschau“ oder das „Heute Journal“ besäßen auch bei Migranten eine hohe Glaubwürdigkeit. Das türkische Fernsehen wiederum vermittle ihnen Heimat, Wärme und Wiedererkennung.

 

Dr. Magagnotti sagte, in der Region Trentino gebe es fünf Sprachgruppen. Deswegen hätte man dort besonderes Verständnis für Migranten.  „Er plädierte dafür, dass Journalisten „die Stimme der Migranten“ sind“.

 

Prof. Becker zitierte aus einer Studie, die das Programm von ARD und ZDF als islamophob bezeichnet. Die Medien generell seien journalistischen Prinzipien verpflichtet, die öffentlich-rechtlichen Sender aber darüber hinaus der Integration.

 

Soric sagte, das Internet sei für Jugendliche immer wichtiger. Bei den Privaten gebe es mehr Stereotypen, Vorurteile und feste Vorstellungen. Bei den 20 Volontären der Deutschen Welle hätte die Hälfte einen Migrationshintergrund.

Zambonini stellte eine „Tendenz zur Skandalisierung“ in der Berichterstattung fest.

Prof. Becker betonte, dass auch fremdsprachige Medien in jedem Land eine Existenzberechtigung hätten. Dass dies keine Fehlentwicklung sei, müsse noch in die Köpfe der Durchschnittsdeutschen. Es sei eine Illusion zu glauben, dass „Nischenmärkte“ irgendwann verschwinden würden.

Soric sagte, die beliebteste Mauer in Deutschland sei die Klagemauer. Es gebe viele Beispiele für gelungene Integration in den deutschen Medien. „Wir haben ein tolles staatsfernes öffentlich-rechtliches System, um das uns andere beneiden, haben tolle regionale Zeitungen“. Migranten sollen ihre Karrierechance haben „wenn sie gut sind“. Schließlich lebten wir in einer Leistungsgesellschaft. Unser aller Ziel müsse es sein, die deutsche Sprache zu vermitteln. „Sonst nehmen wir den jungen Migranten ihre Chancen“.

Zambonini sagte, Mehrsprachigkeit ist ein Teil der deutschen Lebenswirklichkeit. Im WDR gäbe es ein multilinguales Programm. Viele gut ausgebildete Migranten zöge es in die Sender. „Wir brauchen kein Migrantenprogramm“.
 

In einem Praxisforum berichteten unter der Gesprächsleitung des VEJ-Vorstandsmitgliedes und Deutschlandkorrespondenten der NASPERS-Mediagroup Südafrika, Dr. Hendrik Schott,  Journalisten über ihre Erfahrungen mit der „medialen Integration“. Unter ihnen war Juri Rescheto, Russlanddeutscher, der sich „wohl fühlt“ in der Nachrichtenabteilung der Deutschen Welle.

Isabel Reth, von spanischer Abstammung, die im WDR die erfolgreiche Sendung „Funkhaus Europa“ betreut, ist begeistert von ihrer Arbeit in einem multikulturellen Team.

Rusen Tayfur mit türkischem „Migrationsschatten“, wie sie sagt, ist WAZ-Redakteurin in Oberhausen. Geboren in Duisburg sei ihre Mediennutzung deutsch. Nie hätte sie daran gedacht, für eine türkische Zeitung zu schreiben.

Zeljko Matic, Deutschland-Korrespondent für kroatische Medien und Herausgeber eines regionalen kroatischen Monatsmagazins, meinte, die Kroaten

in Deutschland nutzten kroatische und deutsche Medien gleichermaßen, die Älteren unter den ca. 400 000 in Deutschland lebenden Kroaten bevorzugten jedoch vorwiegend Zeitungen und Fernsehen in ihrer Muttersprache.

Zanel Fruchtmann, früher RFE und Deutsche Welle, sagte, die jungen Rumänen in Deutschland betrachten sich als Deutsche und möchten wirtschaftlich weiterkommen. Der Integration diene es nicht, wenn ständig von „Menschen mit Migrationshintergrund“ gesprochen werde.

Isabel Reth unterstrich, bei gleicher Qualifikation sollte es auf der Chefredakteursebene mehr „Ausländer“ geben, bei den Moderatoren mehr „bunte Gesichter“. Außerdem „brauchen wir bei den öffentlich-rechtlichen Sendern mehr Programme, die die Zuhörer auch emotional ansprechen“. Istanbul sei voller Frauen „mit Geld und dicken Autos“. Von denen sehe man nichts im deutschen Fernsehen. Wenn in einer deutschen Diskussionsrunde Teilnehmer gefragt würden, woher sie so gut Deutsch könnten, so wäre so eine Frage in Spanien oder Frankreich undenkbar. Das würde als Beleidigung aufgefasst. Dort werde ausschließlich zur Sache gefragt.

In seinem Schlusswort sagte Paolo Magagnotti, (paolo.magagnotti@tin.it)

 

Journalisten hätten dazu beigetragen, dass Vertrauen statt Misstrauen zwischen Inländern und Migranten entstünde. Ohne Sprachkenntnisse entstünden Parallelgesellschaften mit einem „großen und gefährlichen Konfliktpotential“. Wenn Europas Motto laute „Einheit in der Vielfalt“, so seien Migranten ein Teil davon.

 

Jürgen Conrad
juconrad@online.de